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 Studium - Erfahrungsberichte

Das Tiermedizinstudium aus der Sicht einer Studentin im 9. Semester

Mythos Nr. 1: „Ich weiß genau, was ich später machen möchte.“
Im Oktober 2006 werden circa 160 angehende Tiermediziner feierlich begrüßt; die überwiegende Mehrheit weiblich und frisch vom Abitur. Die meisten haben recht konkrete Vorstellungen vom späteren Berufsziel: Zumeist wird der Wunsch nach Kleintier- bzw. Pferdepraxis geäußert, bei mir war es die Kleintierpraxis. Dass sich dies im Laufe des langen Studiums ändern kann, will zu Beginn noch keiner wahrhaben. Doch es gibt verschiedenste Gründe dafür, dass man später (un-)freiwillig nicht dort landet, wo man eigentlich hin wollte. Auch ich bin mit einem konkreten Berufswunsch ins Studium gestartet - vor allem aber hochmotiviert und mit sehr großem Enthusiasmus. Diese Einstellung ist sozusagen Pflicht, denn ein derartiges Studium mit langen Vorlesungstagen und schwierigen Prüfungen, die noch dazu in jeder vorlesungsfreien Zeit stattfinden, macht man nicht nur halbherzig. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Studiums verlässt man die Wohnung, wenn es draußen noch dunkel ist, und kommt heim, wenn es wieder dunkel ist. Freizeit während des Semesters: Fehlanzeige. Wer das nächste Lehrgespräch oder (An-)Testat bestehen möchte, kommt um eine ausgiebige Vor- und Nachbereitung nicht herum. Und auch die Freude anderer Studenten über die Semesterferien kann man nicht bedenkenlos teilen: Oft bleiben nur zwei Wochen zur Erholung übrig, der Rest wird von Prüfungen oder Praktika in Beschlag genommen. Und man darf auch Folgendes nicht vergessen: Man hat sich zwar für Tiermedizin entschieden, aber bevor man überhaupt ein lebendes Tier im Studium zu Gesicht bekommt, vergehen ein paar Semester. Zu Anfang kämpft man sich durch die „geliebten Fächer“ Chemie, Physik, Botanik und Zoologie; das ist das Vorphysikum. Ein Jahr später absolviert man das Physikum. Die große Angst davor ist legendär. Biochemie, Physiologie, Anatomie sowie Histologie und Embryologie – all das in der schönsten Zeit des Jahres, in der andere fröhlich Eis essen oder baden gehen. Man selber sitzt währenddessen über dicken Büchern und etlichen Handouts, geht Versuchsabläufe im Kopf durch oder zum „Präppen“ in die Koserstraße.

Mythos Nr. 2: „Nach dem Physikum wird alles besser.“
Ist dieser Prüfungsmarathon überstanden, ist das morgendliche Ziel nicht mehr die Koserstraße, sondern Düppel. Jetzt gibt es endlich klinische Fächer! Die verschiedenen Kliniken laden zur Propädeutik, wobei ein großer Unterschied im Ablauf besteht: Darf man in der Klauentierklinik Kühe, Ochsen und Kälber selber untersuchen (schmusen ist auch erlaubt), bekommt man in der Kleintierklinik leider nur sehr selten einen echten Patienten; das meiste ist Theorie. Den größten Spaß hat man in der Schweineklinik: Von Ferkelkuscheln bis Schweine-Rodeo ist alles dabei! Ohne praktische Arbeit, aber unglaublich interessant und immer zu fast 100% besucht, ist die Pathologie-Vorlesung, bei der man den „Pathologen seines Vertrauens“ finden kann. Aber nicht jede Vorlesung ist derartig spannend, oft hört man zwar trockene, aber wichtige Theorie. Viel zu tun hat man jeden Tag, auch wenn man gewisse Veranstaltungen – aus den verschiedensten Gründen – vermeidet. Und nein: Nach dem Physikum werden die Prüfungen nicht einfacher oder angenehmer!

Mythos Nr. 3: „Ein ganzes Jahr frei… mit ein paar Praktika zwischendrin.“
Zum Ende des achten Semesters jubeln alle: Nie wieder Vorlesungen! Das neunte und zehnte Semester sind ausschließlich für die abzuleistenden Praktika da. Anfangs denkt man, das wird sicher ein entspanntes Jahr. Auf die vier Monate des großen kurativen Praktikums freut sich eigentlich jeder. Maximal acht Wochen dürfen als Wahlpraktikum außerhalb einer kurativen Praxis oder Klinik absolviert werden: Es stehen einem die Türen offen für Auslandserfahrungen, Zoo-Praktika und andere interessante Dinge. Drei Wochen auf dem Schlachthof, zwei Wochen im Veterinäramt und zwei Wochen in der Lebensmittelhygiene stehen ebenfalls auf dem Plan, ob man will oder nicht. Was man dort erlebt – Interessantes, Erschreckendes oder Monotones -, hängt stark davon ab, wohin man geht. Und schließlich gibt es noch die klinische Rotation: Fast drei Monate lang rotiert man in den verschiedenen Kliniken und Instituten in Düppel. Diese Erfahrung steht mir auch noch bevor.

Als ich mich damals für Tiermedizin entschied, wusste ich, wie ich mir meine Zukunft vorstelle: Häuschen auf dem Lande, eigene Kleintierpraxis. Im Laufe des Studiums und der Praktika, die zahlreiche Einblicke in die unterschiedlichen Arbeitsmöglichkeiten eines Tierarztes geben, habe ich festgestellt, dass mich noch viel mehr interessiert als „nur“ die Kleintierpraxis.

Abstand